Schadstoffe

Erdöl mit Vanillegeruch: Was eine Duftkerze in deine Luft pustet

Ruß, Feinstaub, Formaldehyd und ein Duft, dessen Zutaten niemand nennen muss. Was eine Duftkerze wirklich in die Luft bringt und warum das Reel dazu nichts davon zeigt.

Ein Mensch zündet Erdöl mit Vanillegeruch an, filmt es und nennt es Selbstfürsorge. Darunter steht ein Rabattcode. Lesezeit drei Minuten, das ist länger als das Video und kürzer als die Kerze.

Kurz gesagt: Eine Kerze ist ein offenes Feuer in einem geschlossenen Raum. Feuer macht Ruß, Feinstaub und Formaldehyd, im Wohnzimmer wie am Auspuff. Der Duft obendrauf reagiert mit der Raumluft zu weiteren Schadstoffen, und was im „Duft“ drin ist, muss der Hersteller nicht sagen. Wer Atmosphäre will, nimmt eine Lampe mit 2.700 Kelvin. Wer Duft will, macht das Fenster auf. Wer trotzdem Kerzen will, lüftet danach.

Was beim Abbrennen passiert

Paraffin ist ein Erdölprodukt. Beim Verbrennen entstehen Ruß, ultrafeine Partikel, Formaldehyd, Acetaldehyd, Benzol und Toluol. Das ist keine Vermutung, das wurde in Prüfräumen gemessen, mit normalen Kerzen aus dem Handel [1]. Kerzenrauch besteht überwiegend aus ultrafeinen Partikeln, also der Sorte, die tief in die Lunge geht [2]. Eine rußende Kerze mit zu langem Docht ist dabei um ein Vielfaches schlimmer als eine ruhig brennende.

In einem kleinen Raum steigt die Feinstaubbelastung damit auf Werte über der Tagesgrenze der WHO [3]. Die WHO empfiehlt für PM2,5 höchstens 15 µg/m³ im Tagesmittel [4]. Draußen regt sich die ganze Stadt über Diesel auf. Drinnen zündet man sich das Äquivalent selbst an, stellt es auf den Nachttisch und nennt es gemütlich.

Was der Duft dazu tut

Jetzt das Parfüm. Duftkerzen enthalten Duftstoffe, oft Terpene wie Limonen, das nach Zitrone riecht, oder Pinen, das nach Wald riecht. Die Stoffe sind für sich nicht das Problem. Das Problem ist, was sie in der Raumluft tun: Terpene reagieren mit Ozon, das aus der Außenluft reinkommt, zu Formaldehyd und zu neuen, sekundären Feinstaubpartikeln [5]. Der Waldduft macht aus dem Wohnzimmer eine kleine Chemiefabrik. Ohne Wald.

Was genau drin ist, erfährst du nicht. Auf der Packung steht „Duft“ oder „Fragrance“. Dahinter können Dutzende bis Hunderte Einzelstoffe stecken, die nicht deklariert werden müssen [6]. In einer Befragung in den USA berichteten rund 35 Prozent der Leute von Beschwerden durch parfümierte Produkte, von Kopfschmerzen bis Atemwegsreizung [6]. Jeder Dritte. Der Mensch mit dem Ringlicht gehört zu den anderen zwei Dritteln. Oder er lüftet, wenn die Kamera aus ist.

Was Woher Was es macht
Ruß, ultrafeine Partikel Verbrennung des Wachses geht tief in die Lunge, bleibt stundenlang in der Luft
Formaldehyd, Benzol, Toluol unvollständige Verbrennung Reizstoffe, Formaldehyd als krebserzeugend eingestuft
Terpene (Limonen, Pinen) der „Duft“ reagieren mit Ozon zu Formaldehyd und neuem Feinstaub
„Fragrance“, nicht deklariert Parfümmischung unbekannt, muss nicht angegeben werden
Feinstaub PM2,5, Richtwert der WHO für das Tagesmittel (µg/m³)

Markierung: Grenzwert 15 µg/m³

Der Balken „eine Kerze im Schlafzimmer“ fehlt mit Absicht. Der Wert hängt von Kerze, Docht, Raumgröße und Lüftung ab, und wir zeichnen keine Zahl, die wir nicht gemessen haben. Dass er über 15 liegt, ist keine Frage [3].

Der Klassiker: Kerze im Schlafzimmer

Kleiner Raum, Tür zu, Fenster zu, Kerze auf dem Nachttisch, Sorte „Vanille Cashmere“. Die kleinste Luftmenge, die längste Aufenthaltsdauer, kein Luftwechsel, und die Partikel bleiben nach dem Ausblasen noch Stunden in der Luft [2]. Beim Ausblasen raucht der Docht noch mal richtig nach. Das ist der Moment mit dem meisten Ruß, und es ist meistens der Moment, in dem du dich hinlegst und tief einatmest, weil das Ritual jetzt vorbei ist.

Wenn du Atmosphäre willst: eine warmweiße Lampe mit 2.700 Kelvin, gedimmt. Gleiches Licht, kein Feuer. Wenn du Duft willst: Fenster auf. Draußen ist Luft, die nicht aus einem Glas kommt. Und nein, der Duftstecker ist nicht die Alternative. Das ist dieselbe Kerze ohne Flamme, dafür rund um die Uhr.

Was du heute tun kannst

  1. Keine Kerze im Schlafzimmer. Der Raum, in dem du acht Stunden liegst, ist kein Ort für offenes Feuer mit Parfüm.
  2. Wenn Kerze, dann Fenster. Während sie brennt gekippt, danach fünf Minuten weit auf. Die Partikel gehen nicht von allein.
  3. Docht kürzen. Auf etwa fünf Millimeter. Eine Kerze, die rußt, zeigt dir das Problem wenigstens.
  4. Nicht ausblasen, ersticken. Deckel drauf oder Dochtlöscher. Das Nachglimmen ist die schmutzigste Phase.
  5. Ohne Duft. Eine Kerze ohne Parfüm hat immer noch Ruß, aber keine Chemie obendrauf. Wenn schon, dann so.
  6. Das Video wegwischen. Wer dir mit Rabattcode ein Ritual verkauft, verkauft dir Wachs für 30 Euro. Die Luft in deinem Zimmer ist nicht im Preis.

Wenn du nicht raten willst

Wir haben dein Wohnzimmer nicht gemessen. Was eine Kerze in einem bestimmten Raum anrichtet, hängt von Raumgröße, Lüftung und Kerze ab, und das sagt nur ein Partikelzähler daneben. Die Studien sagen, dass es nie null ist. Das Video sagt, dass es gut riecht. Beides stimmt.

Fragen? Schreib uns. Du willst wissen, was deine Luft nach einem Kerzenabend enthält? Buch ein Audit. Bis dahin: Kerze raus aus dem Schlafzimmer, Fenster auf, und beim nächsten „Self-Care“ mit Ringlicht kurz an den Auspuff denken.

Quellen

  1. Derudi, M. et al. (2014): Emission of air pollutants from burning candles with different composition in indoor environments. Environmental Science and Pollution Research 21, S. 4320–4330. doi.org/10.1007/s11356-013-2394-2
  2. Pagels, J. et al. (2009): Chemical composition and mass emission factors of candle smoke particles. Journal of Aerosol Science 40(3), S. 193–208. doi.org/10.1016/j.jaerosci.2008.10.005
  3. Stabile, L., Fuoco, F. C. und Buonanno, G. (2012): Characteristics of particles and black carbon emitted by combustion of incenses, candles and anti-mosquito products. Building and Environment 56, S. 184–191. doi.org/10.1016/j.buildenv.2012.03.005
  4. Weltgesundheitsorganisation (2021): WHO global air quality guidelines: particulate matter (PM2.5 and PM10), ozone, nitrogen dioxide, sulfur dioxide and carbon monoxide. Genf. PM2,5: 15 µg/m³ im Tagesmittel, 5 µg/m³ im Jahresmittel. who.int/publications/i/item/9789240034228
  5. Nazaroff, W. W. und Weschler, C. J. (2004): Cleaning products and air fresheners: exposure to primary and secondary air pollutants. Atmospheric Environment 38(18), S. 2841–2865. doi.org/10.1016/j.atmosenv.2004.02.040
  6. Steinemann, A. (2016): Fragranced consumer products: exposures and effects from emissions. Air Quality, Atmosphere & Health 9, S. 861–866. doi.org/10.1007/s11869-016-0442-z

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.

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